ZEIT FÜR EIN PAAR JOKER-RUNDEN

2022-07-03T12:00:35+02:00Juli 3rd, 2022|2022, WTCR Race of Portugal 2022|

In Vila Real wird am Rennsonntag in Portugal zum ersten und einzigen Mal in dieser Saison des FIA Tourenwagen-Weltcups (WTCR) eine sogenannte Joker-Runde gefahren.

Inspiriert sind die Joker-Runden von der FIA Rallycross-Weltmeisterschaft. Dadurch werden die Überholmöglichkeiten auf einer Strecke, die sonst kaum welche bietet, drastisch erhöht. Jeder Fahrer ist gezwungen, eine Joker-Runde zu absolvieren. Allerdings darf er das nicht in den ersten beiden Runden nach dem Start, nach einem Safety-Car-Einsatz oder nach einer die ganze Strecke umfassenden Gelbphase.

Die Joker-Lap führt rund um den Kreisverkehr, der nach einer schnellen Bergabpassage die letzte Kurve des 4,790 Kilometer langen Kurses bildet. Doch anstatt rechts dem normalen Streckenverlauf zu folgen, werden die Fahrer linksherum auf eine alternative und langsamere Route geschickt. Dadurch wird die Runde um 86 Meter erweitert. Durch die Joker-Runde können die Fahrer also viele Positionen verlieren, oder aber sogar das Rennen für sich entscheiden.

Für die Rennstrategie ist es also wichtig, den genauen Zeitpunkt für das Fahren der Joker-Runde abzupassen. Dadurch liegt auf den Fahrern aber noch mehr Druck, keiner Fehler zu machen, erklärt Tiago Monteiro.

„Das Timing und die Entscheidung zwischen dir und dem Team müssen perfekt abgestimmt sein. Wenn das gelingt, kannst du einen gewaltigen Vorteil daraus ziehen“, sagte Monteiro, der einen mit Goodyear-Reifen ausgerüsteten Honda Civic Type R TCR für das Team LIQUI MOLY Engstler fährt. „Wenn man die Runde fährt, ist man voller Adrenalin, weil man weiß, dass man es nicht vermasseln darf. Gleichzeitig kannst du aber auch nicht zu vorsichtig sein, weil du sonst zu viele Positionen verlierst, die du dann nicht wieder gutmachen kannst. In diesem Moment steht man als Fahrer wirklich unter Stress und Adrenalin.“

„Vor zwei Jahren war Yvan [Muller] wirklich nah an mir dran. Ich wusste damals, dass ich die Joker-Runde perfekt hinbekommen muss, um wieder vor ihm zu landen. Er war ziemlich schnell und wir war klar, wenn er einmal vorbei war, würde ich ihn nicht wieder überholen können. Mein Herz schlug mit mehr als 200 Schlagen, weil ich wusste, ich muss es einfach schaffen.“

Tiago Monteiro will sich bei der Entscheidung, wann er die Joker-Runde fahren wird, voll auf seinen Renningenieur verlassen: „Das Team hat einen besseren Überblick über das Geschehen. Ich könnte zwar selbst die Entscheidung treffen, aber sie wissen besser, welche Pace die anderen haben und wo sie sich auf der Strecke befinden. Vielleicht stecken sie im Verkehr fest, vielleicht haben sie freie Fahrt – das sind alles Dinge, die bei der Entscheidung mit reinspielen.“

Wie Monteiro hat auch Tom Coronel auf den anspruchsvollen Straßen von Vila Real bereits gewonnen. Er ist ein Fan des Konzeptes der Joker-Runde, wie der Mann aus dem Team Comtoyou DHL Audi erklärte: „Auf Stadtkursen werden die Rennen schon zu 80 Prozent im Qualifying entschieden, es sei denn, man macht einen Fehler. Aufgrund der Joker-Runde kann man über die Strategie sehr viele Positionen gut machen, oder aber man verliert viele Plätze und zerstört sich sein Rennen. Diese strategische Entscheidung ist ein Unikat in der Tourenwagen-Weltmeisterschaft.“

Kevin Berry, der Renningenieur von Cyan Racing Lynk & Co, der Yann Ehrlacher zu zwei Titeln im Tourenwagen-Weltcup verhalf, sagte über die Joker-Runde. „Als Ingenieur ist es eigentlich so schon aufregend genug, auf einem Stadtkurs zu fahren, wo es meistens schon genug Stolperfallen oder Gefahren gibt. Aber die Joker-Runde fügt der Rennstrategie nochmal eine völlig neue Dimension hinzu. Es erfordert von uns eine Flexibilität in der Strategie und noch mehr Arbeitsaufwand. Wir versprechen, vor dem Rennen verschiedene Strategien für verschiedene Szenarien zu entwickeln und so gut vorbereitet wie möglich in das Rennen zu gehen. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch darauf einstellen, spontan eine Entscheidung zu fällen.

„Durch die zusätzliche Distanz kann man einige Plätze gewinnen, allerdings auch viele Plätze verlieren, was wir auf keinen Fall wollen.“

„Das kann zu Diskussionen führen. Wie werden vorher schon wichtige Parameter bestimmen. Zum Beispiel, wie lange die Joker-Runde dauert und welche Lücke wir brauchen, um sie zu fahren, ohne einen Platz zu verlieren. Allerdings arbeiten wir Ingenieure weit von der Strecke entfernt und können nicht sehen, wo das Auto ist, bis es aus dem zweiten Sektor kommt. Also müssen wir die Fahrer über alle Szenarien informieren, damit sie eine Entscheidung treffen und reagieren können. Wir geben ihnen eine Empfehlung, wann unserer Meinung der ideale Zeitpunkt für die Joker-Runde gekommen ist. Dennoch können Situationen entstehen, in denen sie selbst entscheiden müssen, die Joker-Runde nicht zu fahren, beziehungsweise entscheiden müssen, sie selbst zu fahren ohne unser Feedback. Wir haben alle einen gewissen Einfluss auf die Entscheidung, aber letztendlich müssen die Jungs auf der Strecke reagieren.“

Das erste Rennen in Portugal startet um 14:10 Uhr deutscher Zeit. Rennen 2, welches das 100. Rennen der WTCR-Geschichte sein wird, folgt um 18:15 Uhr.